Das neue deutsche Tanzmusikrevival, Teil fünf

Dürfen wir vorstellen? – Ein Tanzmusikmanuskript hautnah

8. April 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Serie: Tanzmusik aus dem deutschsprachigen Raum (5)

Zweihundert Jahre nachdem der Sohn eines hochgräflichen Beamten in Thüringen seinen Namen und die Jahreszahl 1784 in ein Tanzmusikmanuskript geschrieben hatte, beschloss ein fränkischer Volksmusikpfleger, einen Teil der darin enthaltenen Melodien neu zu veröffentlichen. Erwin Zachmeier war seit den 1950er-Jahren in der fränkischen Volksmusik und -tanzszene eine feste Größe und stand in einer mehrere Jahrzehnte währenden regionalen Tradition. „Ob die Stücke sich heutzutage als Tanzmusik eignen (mit zeitgemäßer Begleitung?), mag dahingestellt bleiben …“, schrieb er. Dieses Zitat aus seiner Publikation aus dem Jahr 1984 ist Zeugnis dafür, wie sehr sich die Melodien im Notenbuch des Heinrich Nicol Philipp von der Musik unterschieden, mit der Zachmeier aufgewachsen war (siehe hierzu auch Teil 4 der Serie in folker #3.24).

Text: Merit Zloch und Simon Wascher

Der Volksmusikpfleger legte bei seiner Teilausgabe den Fokus auf Benutzbarkeit im Sinne dieser Volksmusiktradition. Im Vorwort schrieb er: „… geeignet … für Musiziergelegenheiten zu weniger ‚temperatmentvollen‘ Anlässen.“ Gänzlich in der Ausgabe ausgespart wurden beispielsweise drei-, sechs- und zehntaktige Melodien. Dafür gab es Bassbezeichnungen als Hilfestellung für die Praxis. Zachmeier plante einen reprografischen Nachdruck, zu dem es nie kam. Inzwischen gibt es das legendäre Notenbuch Philipps als Digitalisat online, kostenlos zugänglich für alle, und zwar hier: www.tanzmusikarchiv.de/?page_id=681. Die Handschrift liegt heute in der Internationalen Musikbegegnungsstätte Haus Marteau im oberfränkischen Lichtenberg und ist ein typischer Vertreter seiner Art. Es enthält 175 einstimmige Melodien, welche jeweils mit einer Nummer und meist mit Tanzbezeichnungen versehen sind. Es hat mehrere Schreiber, eine Nutzungsdauer von mehreren Jahrzehnten und enthält Melodien mit Parallelquellen in ganz Europa.

Die Tanzbezeichnungen reichen von heute geläufigen Begriffen wie Menuett, Schottisch Hopser oder Walzer bis zu exotischen wie Teusch und Schleifer. Letztere sind allerdings typisch für Manuskripte aus dem 18. und teils 19. Jahrhundert. Welche Tanzbewegungen sich genau dahinter verbargen, ist Gegenstand zahlreicher Rekonstruktionsversuche mit verschiedenen Ansätzen. Sogar bei mit „Schottisch“ bezeichneten Melodien ist unsicher, was dazu vor der Mitte des 19. Jahrhunderts getanzt wurde. Die Melodiestruktur spricht stark gegen das heute als Grundschritt bekannte „einmal hin, einmal her, rundherum, das ist nicht schwer“. Man kann E. Zachmeiers Skepsis zur Eignung für einen fränkischen Tanzboden der 1980er-Jahre gut verstehen

„… faszinierend, wie mit den Melodien heute umgegangen wird.“

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Am Anfang des Manuskripts stehen zwei Seiten mit musikalischen Grundlagenbegriffen des Notenbildes wie der Lage der Töne und Notenwerte. Es folgen zunächst einfache Melodien – fast alles seinerzeit bekannte Ohrwürmer – mit kleinem Tonumfang und vielen Tonleitern. Die Nummer 5 beispielsweise ist eine weit verbreitete Bergamasca mit einer Parallelquelle aus Italien von 1610 (Komponist beziehungsweise Bearbeiter hier Lodovico Grossi da Viadana). Die Kompositionen werden komplexer, nach siebzig Stücken folgt ein „Amen“, und die Zählung beginnt wieder bei der Nummer 1.

Bei diesen ersten 27 Seiten handelt es sich um Unterrichtsmaterial und Material zum Aufbau eines Repertoires für einen Geiger. Das ist nichts Ungewöhnliches. Etliche Tanzbücher beginnen so – mit den ersten Schritten eines zukünftigen Tanzmusikers.

Parallelquellen zu Melodien aus dem Notenbuch des Heinrich Nicol Philipp finden sich in einem Umkreis von fünfhundert bis tausend Kilometern, unter anderem in Belgien, Dänemark, England, Frankreich, Italien, der Niederlande, Österreich, Rumänien, Schottland, Schweden, Schweiz, Tschechien und Ungarn. Die Parallelquellen sind manchmal älter, manchmal jünger als ihre Seibiser Geschwister. Wo Volksmusikforschende des 20. Jahrhunderts beim Repertoire in Tanzmusikbüchern noch Regionalität annahmen, kann man mit dem offeneren Blick von heute und nicht zuletzt ermöglicht durch die vielen leicht zugänglichen Digitalisate eine weite Verbreitung vieler Melodien erkennen.

Seite mit der Nummer 5 der ersten Zählung aus dem Notenbuch des Heinrich Nicol Philipp

Exemplarisch sei hier die Nummer 3 der zweiten Zählung vorgestellt. Diese Melodie lernte Simon Wascher beim Festival in Saint-Chartier vor vielen Jahren als Bourrée mit dem ältesten Nachweis „1848“ im Album Auvergnat. Ein sehr ähnliches Stück findet man in der Tanzsammlung Dahlhoff aus Westfalen, ein weiteres in den Svenska Låtar, DER großen schwedischen Melodiensammlung.

Die Handschrift wurde von Mitgliedern der Familie Philipp in Seibis am Fuße des Thüringer Schiefergebirges über mehrere Jahrzehnte hinweg angelegt. Das Büchlein gelangte auf nahezu romantische Weise im frühen 20. Jahrhundert ins benachbarte Lichtenberg. Dort lebte ein gewisser Henri Marteau, Geiger und Komponist, ursprünglich aus Reims und lokale Berühmtheit. Dieser war wiederum mit einem lokalen „Original“ befreundet – der Bäuerin Johanne Dietzel, die mit den Produkten ihrer Landwirtschaft hausieren ging und so die Familie Marteau kennenlernte. Die „Singhanne“ sang, spielte gut Klavier und außerdem Laute und Ziehharmonika. Irgendwann 1925, als sie fühlte, dass es „mit der Seibiser Hanne bald aus“ sei, brachte sie Henri Marteau und seiner Frau Blanche „zwei Päckchen“, die sie auswickelte und in denen sich das Notenbuch ihres Vaters befand, aus dem er nach Hannes Auskunft in den umliegenden Dörfern zum Tanz aufgespielt hatte. Bis dahin war es in Familienbesitz gewesen und fast durchgehend zum Musizieren und Notieren von Melodien benutzt worden.

Ulrich Wirz, Verwaltungsleiter von Haus Marteau, geht davon aus, dass die ersten siebzig Stücke vom Vater Heinrich Nicol Philipps für seinen Sohn aufgeschrieben wurden. Je nachdem, ob man dieser Theorie folgt oder annimmt, Heinrich Nicol habe das Buch selbst angelegt, stammt es ursprünglich vom Urur- oder Urgroßvater Johanne Dietzels. Es war bis zur Übergabe an die Familie Marteau in Familienbesitz und wurde fast durchgehend zum Notieren von Melodien und Musizieren benutzt. Anfang der Nullerjahre waren einige Musikerfreunde und wir im Besitz eines schon mehrmals kopierten Scans des Originals. Dadurch waren wir nicht auf die Teilausgabe Erwin Zachmeiers angewiesen und konnten selbst entscheiden, wie wir zum Beispiel mit „Fehlern“ in den Melodien umgehen wollten. Für Merit stellt das Manuskript den zündenden Funken für ihr Interesse an Musik aus solchen Handschriften dar – so ähnlich wie für andere die Dahlhoff-Sammlung. 2002 arrangierten wir ein als „Schottisch“ bezeichnetes Stück aus dem Notenbuch als Wettbewerbsbeitrag für den Duowettbewerb bei den Rencontres internationales de Luthiers et Maîtres Sonneurs im zentralfranzösischen Saint-Chartier. Unter dem Namen „Highlife-Schottisch“, den wir der Melodie für eine Albumaufnahme gaben, gehört es seit vielen Jahren zu den bekanntesten und meistgespielten Stücken aus Tanzmusikhandschriften.

Für Merit als „Praktikerin“, wie Zachmeier sagen würde, ist faszinierend, wie mit den Melodien heute umgegangen wird. Es gibt nicht nur sehr „moderne“ und sehr traditionelle Arrangements, sondern auch eine große Varianz bei traditionellen Interpretationen. Im Herbst 2025 spielte sie in München zum Tanz und konnte hören, wie das lokale Ensemble Landlerdelirium den Abend mit Polonaisen aus der Handschrift als Aufzug einleitete. Während man sich im Norden für solche Stücke oft an modernen schwedischen Interpretationen der Slängpolska mit einem leichten Swing in Begleitung und Melodiebetonung orientiert, war die bayerische Version sehr gerade und mit völlig anderem Groove.

Vielleicht ist die Lust geweckt, einmal selbst in das Manuskript hineinzuschauen und sich an den vielen schönen Melodien zu erfreuen? Wir sind gespannt auf neue musikalische Ideen dazu!

Quellen:

Echt Oberfranken!, Heft 27: www.issuu.com/echt/docs/echt_ausgabe_27_2015_web_komplett

www.stadt-lichtenberg.de/beschilderung/notenhandschrift

www.tanzmusikarchiv.de/archiv/wp-content/uploads/2021/09/Quellenverzeichnis_Tanzmusik.pdf

Wascher, Simon, Melodien aus Musikantenhandschriften bis 1800, V. Teil, Unterrichtsbehelfe und Medien, Modul 6, Wien, 2017

Zachmeier, Erwin (Hg.), Die Notenhandschrift des Heinrich Nicol Philipp, 106 Stücke aus einem der ältesten Zeugnisse ländlicher Tanzmusik (1784 datiert), der sog. „Seibiser Handschrift“: Deutsche, Schleifer und Menuette, 1984

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Aufmacher:
Seibis-Session auf dem KlangRauschTreffen 2011, im Bild (v.l.) Hermann Haertel, Simon Wascher, Thomas Zeuner, Valentin Arnold

Foto: Oliver Specht

Autor*innen-Info:

Merit Zloch spielt, arrangiert und unterrichtet seit 25 Jahren einheimische Musik solo und im Ensemble auf der böhmischen Hakenharfe. Sie organisiert außerdem Musikertreffen und Kurswochenenden. www.meritzloch.net

Simon Wascher ist Musiker, Tänzer, Forscher, Organisator, Musik- und Tanzpädagoge. Mit Volkstanztradition aufgewachsen in Kremsmünster, lebt er heute in Wien und publiziert zu Ethnomusikologie und Ethnochoreologie. Der Absolvent der Tanzausbildung am Eric Sahlström Institut Tobo forscht außerdem zu und unterrichtet europäische traditionelle Tanzimprovisation. Die Lernenden, deren Möglichkeiten und Bedürfnisse stehen für ihn immer im Zentrum. www.simonwascher.info, www.tradmus.org

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